On the road - unterwegs
Da sich mein Leben mittlerweile zu einem großen Teil auf Rädern abspielt, stelle ich hiermit die neue Rubrik "On the road - unterwegs" vor. In ihr werde ich versuchen, meine beiden größten Leidenschaften zusammenführen, nämlich das Schreiben und das Reisen.
Auf den Spuren einer fast vergessenen Schrift
Da sich das griechische Alphabet für die Darstellung der slawischen Sprachen nur beschränkt eignete, wurde im 9. Jahrhundert von einem byzantinischen Missionar speziell für diese eine völlig neue Schrift entwickelt, die Glagoliza. In Istrien und auch auf der Insel Krk blieb sie bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts in Gebrauch und entwickelte sich dann zu einem Symbol des kroatischen Nationalbewusstseins. Von Hum, das als die kleinste Stadt der Welt gilt, führt seit 1976 eine mit Skulpturen geschmückte „Glagolitische Allee“ bis ins sechs Kilometer entfernte Roč.
Kroatische Münze mit dem Länderkürzel HR in glagolitischer Schrift
Triest - Entdeckung einer Stadt
Unter den italienischen Städten ist Triest nicht nur die nordöstlichste, sondern auch eine ganz besondere, die es immer wieder neu zu entdecken gibt. Eine Stadt vieler Völker und vieler Sprachen, geprägt von ihrer wechselvollen Geschichte, darunter 600 Jahre unter den Habsburgern. Sie fasziniert durch ihre traumhafte Lage an der Adria mit einer einzigartiges Meerespromenade, aber auch durch Zeugnisse der Römer, durch Bauten des Mittelalters, prächtiger Paläste des Klassizismus und Jugendstils.
Der irische Dichter und Wahl-Triester James Joyce - umschwärmt von italienischen Motorrollern!
Begleiten Sie die Autorin Ulrike Rauh auf ihren Spaziergängen in und um Triest und tauchen Sie mit ihr ein in die Faszination dieser Stadt, einer Stadt der Dichter, der Museen – und nicht zuletzt der Kaffeehäuser!
Wiesenburg Verlag 2017
ISBN: 978-3-95632-588-5
Euro 15,20
Arabella alpinista
Sie machte ihrem Ruf als Automobil-Legende alle Ehre, meine Arabella. Sie lief und lief, verwies einen behäbigen Mercedes in seine Schranken und zog die begehrlichen Blicke etlicher Käferpiloten auf sich. Bergan stürmte sie unbeirrbar vorwärts und in der Ebene schob sie die Tachonadel mit Leichtigkeit bis über die Einhundertdreißig. Theoretisch zumindest, denn in der Praxis hielt ich meinen Gasfuß mit Rücksicht auf die dann heftigen Windgeräusche etwas zurück.
Ich hatte das coole Gefährt mit dem großen Schiebedach erst kurz zuvor erstanden. Ein Schnäppchen aus den Sechzigerjahren, in denen der Bremer Ingenieur Carl F. W. Borgward mit der Arabella neue Maßstäbe im Fahrzeugbau setzte. Inzwischen hatte sie schon gut anderthalb Jahrzehnte und knapp zweihunderttausend Kilometer auf ihrem schicken Blechkleid, glänzte aber Dank der Pflege, die ihr der einzige Vorbesitzer hatte angedeihen lassen, wie am ersten Tag in jenem Zitronengelb, das sie schon von Weitem zu einem Hingucker machte.
Genauso stolz wie auf meinen kleinen Renner war ich auf Giulia. Ein Goldstück mit schulterlangen schwarzen Haaren, das sich neben mir auf den roten Kunstlederbezug des Beifahrersitzes gekuschelt hatte. Sozusagen die entzückendste Verkörperung der deutschen Nationalfarben – auch wenn ich ihr das niemals sagen dürfte! Ich teilte mein Studentendasein seit zwei Monaten mit ihr und war felsenfest davon überzeugt, dass uns selbst dreihundertmal zwei Monate nicht würden auseinanderbringen können.
Dies sollte die erste Reise werden, die wir zusammen unternahmen. Idee und Ziel stammten von ihr, die notwendige Technik von mir. Der Gardasee, so hatte sie beteuert, sei die schönste Gegend Oberitaliens und ihre Tante Vittoria, die wir bei dieser Gelegenheit in Desenzano besuchen wollten, eine großartige Frau, die auch mir mit Sicherheit gefallen würde.
Der Himmel zeigte sich überwiegend bewölkt und während wir uns bei Garmisch-Partenkirchen der österreichischen Grenze näherten, musste ich auf der Frontscheibe sogar ein paar einzelne Regentropfen zur Seite schieben. Doch unserem Enthusiasmus und unserer guten Laune konnte das keinen Abbruch tun. Der Vorfreude auf Goethes blühende Zitronen, auf die posthume Begegnung mit Romeo und Julia und einen neugierigen Blick auf die obskure Hinterlassenschaft eines gewissen Gabriele D’Annunzio.
Bayern 3 berieselte uns derweil mit den aktuellsten Hits. Wir hörten die neueste Single von Smokie, mussten bei Klaus Hoffmanns Blinder Katharina beinahe heulen und sangen begeistert mit, als Boney M. die schaurig-schöne Geschichte von Ma Baker durch die Boxen schickte. Dann quäkten zwei dünne Frauen-Stimmchen aus den Lautsprechern: Sorry, I’m a lady. Fieberhaft suchte ich einen anderen Sender und fand auf Ö3 Ludwig Hirsch. Mitsamt seinem alten Wolf, der vom Sturm in den Baumspitzen träumt und von einem Land, das er Freiheit nennt. Auch wir glaubten ihr entgegenzufliegen, einer Freiheit ohne Gitter und ohne Lügen! Doch zuvor mussten wir noch der allmächtigen Bürokratie unseren Tribut zollen, unsere Pässe von einem misstrauischen Grenzbeamten prüfen lassen und dem Zoll glaubhaft darlegen, dass wir keine illegalen Waren, Drogen oder halbautomatischen Waffen in die Alpenrepublik einführen wollten.
Das Skisport-Mekka Seefeld empfing uns statt Ganz in Weiß inmitten grüner Wiesen und Wälder. Wir machten einen Abstecher ins Zentrum und kauften dort vier Semmeln, außerdem Kaminwurzen, Tiroler Bergkäse, ein paar Marillen von der Farbe meines Autos, eine Flasche mit Almdudler und eine mit Zirbenschnaps. Zwar hatte man auch in Österreich die Promillegrenze auf niederschwellige Null-Komma-Acht abgesenkt, ein winziges Gläschen schien uns jedoch im Bereich des Erlaubten zu sein. Und unserem euphorischen Gemütszustand durchaus angemessen!
Am Ortsrand zelebrierten wir auf dem Parkplatz der Standseilbahn zur Rosshütte den Verzehr unserer frisch erworbenen Schätze. Daran anschließend bewegten wir erst unsere Finger – beim Drehen von Glimmstängeln, dann unsere Füße und Beine, indem wir Arm in Arm über den Parkplatz schlenderten und die gerade angefertigten Tabakwaren dabei Zug um Zug in Rauch auflösten.
Ab Innsbruck folgten wir dem Flusslauf der Sill, die hier den nördlichen Abschnitt des Wipptals in das Gebirge gefräst hatte. Rechts und links stiegen die Berge bis zu zweieinhalbtausend Meter in die Höhe, während das Tal mit der Brenner-Autobahn darin eher gemächlich anstieg und unseren kleinen Flitzer nicht aus der Puste kommen ließ. Hatte die Arabella doch schon 1961 beim ersten österreichischen „Mobil Economy Run“ ihre Bergtauglichkeit und Sparsamkeit unter Beweis gestellt!
Inzwischen war die Wolkendecke aufgerissen und strahlender Sonnenschein begleitete uns durch eine Landschaft, die jeden Modelleisenbahner hätte begeistern können. Mit Wiesen und Weiden, hübschen Dörfern, einsamen Höfen und glücklichen Kühen. Darüber der Wald und dahinter schroffe, schneebedeckte Gipfel.
Allerdings hatten wir irgendwie das Gefühl, nicht dazuzugehören. Die Leitplanken neben der Fahrbahn schienen nicht unserer Sicherheit zu dienen, sondern bildeten gleichsam eine Wand aus Glas, die uns unüberwindbar von diesen traumhaften Bildern trennte.
Als wir einen der kleinen Weiler passierten, seufzte Giulia: „Ruhe und Einsamkeit total. Hier könnte ich es aushalten!“
„Vergiss nicht, dass wir es sind, die die Ruhe und Einsamkeit gerade empfindlich stören. Wir und die vielen Tausend anderen Blechbüchsenpiloten, die auf ihrer Flucht nach Süden Tag für Tag hier vorbeidonnern. Und in der kalten Jahreszeit noch dazu die Heerscharen von Wintersportlern!“
Schließlich fanden wir ihn trotzdem, unseren Garten Eden. Kurz vor der Passhöhe und dem Grenzübergang. Im Osten begrenzt von der Autobahn, der Landesstraße und der Eisenbahn, im Westen dagegen von einer steilen Felswand. Still, gespeist von der Sill, einladend und menschenleer lag er vor uns: der Brennersee.
Wir stellten unseren gelben Renner auf dem Parkplatz ab und liefen hinüber zu dem glasklaren Gewässer. Da weit und breit noch immer keine Menschenseele zu sehen war, schälten wir uns kurzentschlossen aus unseren Kleidern, um uns in das verlockende Nass zu stürzen.
Doch schon, als mir das Wasser nur bis zu den Waden reichte, machte ich eine Wendung um 180 Grad und watete eilig ans Ufer zurück. Auch Giulia kapitulierte vor der eisigen Kälte des Gewässers. Mit dem Finger zeigte sie auf ein dahinschwimmendes Entenpärchen und meinte: „Der Temperatur nach könnten das genauso gut Pinguine sein.“
„Es würde mich nicht einmal wundern“, erwiderte ich und setzte damit noch eins drauf, „wenn in der Mitte des Sees ein Grönlandwal nach oben käme! Zum Luftholen – und zum Aufwärmen!“
Damit bestand zwischen uns Einigkeit, den Badespaß auf einen späteren Zeitpunkt und in ein milderes Klima zu verlegen. Eilig rubbelten wir unsere Füße trocken, warfen uns in unsere Klamotten und legten uns zum Aufwärmen nebeneinander auf die Wiese.
Plötzlich nahm ich in der Steilwand eine Bewegung wahr.
„Du, da läuft was“, sagte ich zu Giulia, „ganz da oben, über den Bäumen.“
Wir setzten uns beide auf, kniffen die Augen zusammen und versuchten, die bewegten Objekte zu identifizieren. Leider hatten wir kein Fernglas dabei, waren uns aber sicher, dass es sich nur um Gämsen handeln konnte. Wir waren angekommen – dort auf der anderen Seite der gläsernen Mauer!
Eine halbe Stunde später reihten wir uns wieder ein in den stockenden Verkehrsfluss in Richtung Mittelmeer. Kurz darauf verneinten wir abermals die offiziellen Fragen nach Drogen und Waffen und ließen unsere Arabella dann einfach der unsichtbaren Spur des großen Goethe folgen. Bergab und seinen glühenden Goldorangen entgegen.
Verliebt in Paris
Hört mir zu, ihr blöden Schwätzer,
ihr Samstag-Abend-Hausbesetzer.
Das Lied ist keinen Pfennig wert,
doch fühlt euch trotzdem hochgeehrt,
ihr, die ihr grünen Rasen mögt,
so gern mit süßen Schäfchen blökt,
Weinblätter liebt und kühle Quellen,
ihr solltet eure Uhr mal stellen
Ich, ich bin in diese Stadt verknallt,
und mag sie ohne Vorbehalt.
Dort hinterm Horizont der Wald,
doch meine Landschaft ist Asphalt,
ja, meine Landschaft ist Asphalt.
Hört mir zu, ihr Weltenretter,
bohrt weiter eure dünnen Bretter,
ich hab' genug von leeren Reden,
und such die Sonne in den Städten.
Der Turm von Montparnasse ist schön,
von ihm der Eiffelturm zu seh’n,
an Wolkenkratzer Reime passen,
und voller Liebe sind die Gassen
Ich, ich bin in diese Stadt verknallt,
und mag sie ohne Vorbehalt.
Dort hinterm Horizont der Wald,
doch meine Landschaft ist Asphalt,
ja, meine Landschaft ist Asphalt.
Macht Tagungen und Seminare,
doch spart euch eure Kommentare,
macht Stickoxide zu Doktrinen,
klebt Sorgen euch auf bleiche Mienen,
Mir wird von Pissoirs nicht übel,
vom Odeur der Abfallkübel,
mit Sauerstoff dusch ich mich nicht,
schmink CO2 in mein Gesicht.
Bin so in diese Stadt verknallt,
und mag sie ohne Vorbehalt.
Dort hinterm Horizont der Wald,
doch meine Landschaft ist Asphalt,
ja, meine Landschaft ist Asphalt.
(nach Renaud Séchan: Amoureux de Panama)
Besuch bei einem der ganz Großen
"Später am Tag erreichten wir bei Sète das Meer und feierten dieses Etappenziel mit einem Fußbad und einer Siesta am Strand. Zur musikalischen Umrahmung des bedeutenden Augenblickes wühlte Tim eine Kassette aus der Mittelkonsole und schickte „Brave Margot“ durch die Lautsprecher. Gesungen vom großen George Brassens, der hier in seiner Heimatstadt auf dem Cimetière Le Py begraben liegt und von dort aus auf den Golfe du Lion, den Löwengolf, hinausblickt. Natürlich kannte auch ich den Text und so betätigten wir uns beim Refrain als Backgroundsänger des unsterblichen Chansonniers:
Quand Margot dégrafait son corsage,
Pour donner la gougoutte a son chat
Tous les gars, tous les gars du village
Etaient là, la, la, la
Etaient là, la, la, la
Wir schütteten uns aus vor Lachen über den Bänkelsang von der kleinen Schäferin, die ihrem Kätzchen die Brust gibt und damit das ganze dörfliche Leben aus den Angeln hebt. Für einen kurzen Moment war ich in Versuchung, es Brassens‘ Protagonistin gleichzutun. In Ermangelung einer Korsage mein Jeanshemd aufzuknöpfen und Tim einen Blick auf das darunter Versteckte zu gönnen. Der Knalleffekt wäre mir sicher gewesen!
Doch der Augenblick ging vorüber und ich begnügte mich stattdessen damit, die lila Kaltwelle einer anderen Margot ins Gespräch einfließen zu lassen. Margot Honecker, unsere langjährige Ministerin für Volksbildung, die als Familienoberhaupt des Staatsratsvorsitzenden jahrzehntelang halb Deutschland tyrannisiert hatte. Und ausgerechnet sie, diese großgewordene Kleinganovin, bescherte unserer Laune nochmals einen rekordverdächtigen Höhenflug." (Aus "Scheherazade aus Schönebeck ..."; anzumerken ist, dass Brassens von seinem Grab aus strenggenommen nicht auf den Golfe du Lion schaut, sondern auf den Etang de Thau!)
https://www.youtube.com/watch?v=7QcTtx5s0Ik&list=RD7QcTtx5s0Ik
Dichter über Grenzen
Friedrich von Schiller war Ehrenbürger der jungen französischen Republik. Und Heinrich Heine verbrachte, wenn nicht seine besten, so doch seine letzten Jahre in der französischen Hauptstadt. Aber wussten Sie, dass der erste Autor, der im neunten Jahrhundert auf Deutsch geschrieben hat, heute Franzose wäre? Aus der Feder des Otfrid von Weißenburg stammt ein fünfbändiges Evangelienbuch, das als größtes vollständig überliefertes Werk in althochdeutscher Sprache gilt. Bei uns schon längst vergessen, erhielt der Mönch jetzt im französischen Wissembourg, der langjährigen Stätte seines Wirkens, ein würdiges Denkmal. Am 19. August 2025 wurde dort der sentier poétique eingeweiht, ein „poetischer Weg“, der am historischen Salzhaus mit einer Tafel über Otfrid von Weißenburg beginnt. Es folgen elf weitere Tafeln über elsässische Autoren, wie Marguerite Haeusser oder André Weckmann, und zwar jeweils auf Deutsch und Französisch. Halt – natürlich auf Deutsch, auf Französisch und auf Elsässisch!
Wilder Westen zwischen Weinbergen?
Wie kommt ein waschechter Trapper in ein Winzerstädtchen in der Pfalz? Ganz einfach – er wurde dort geboren! Im Jahr 1748 als Johann Adam Hartmann in Edenkoben. Im Alter von sechzehn Jahren wanderte er nach Nordamerika aus und verdiente sich dort seinen Lebensunterhalt als Jäger und Fallensteller. Kein Geringerer als James Fenimore Cooper setzte ihm mit dem Romanzyklus „Lederstrumpf“ ein literarisches Denkmal. Ende des letzten Jahrhunderts ehrte ihn seine Heimat dann mit diesem aufwändig gestalteten Brunnen im Stadtzentrum.
Vergessene Helden
Wahrscheinlich war es einfach die falsche Jahreszeit. Ganz Frankreich, nein: ganz Europa, schien sich Anfang August in Richtung Kanalküste in Bewegung gesetzt zu haben. Honfleur, Trouville, Deauville … Namen wie Musik und dazu voller Erinnerungen! Aber alle ohne ein freies Plätzchen für mich, für den Hund und unseren kleinen Camper. Ich irrte von Rezeption zu Rezeption, sagte mein Sprüchlein auf – und fuhr gezwungenermaßen weiter. Dann auf einmal ein Campingschild an einer Stelle, wo eigentlich kein Zeltplatz verzeichnet war. Ich folgte ihm und stieß nach einhundert Metern auf ein langgezogenes Wirtschaftsgebäude, offensichtlich halb Scheune und halb Stall. Als ich anhielt, tauchte eine Frau in Arbeitskleidung auf und erklärte mir, dass ich mich gern zu den anderen Wohnmobilen dazustellen dürfe. Hinten auf der Wiese. Neun Euro für die Übernachtung war nicht viel und schloss einen Verschlag in der Scheune mit ein, in dem sich ein Plumpsklo befand.
Die Alternative wäre Bayeux gewesen, das ohnehin mein nächstes Ziel war. Doch angesichts der Tageszeit und der angehäuften Tageskilometer entschied ich mich für die Trockentoilette und den Standplatz auf der Pferdeweide. Es war die richtige Entscheidung und ungeachtet kleiner Schönheitsfehler ein traumhaftes Plätzchen. Ringsum grünes Gras, darauf gut genährte und gut gepflegte Warmblüter mit langen weißen Mähnen, im Hintergrund hohe Bäume, unter denen braune Longhorn-Rinder grasten. Idylle pur!
Ich stellte mich neben ein Wohnmobil mit französischem Kennzeichen, unter dessen Markise eine junge Frau gerade am Kochen war. Ich sagte „Bonjour“ zu ihr, was sie mit „Hi. Nice to see you! “ quittierte. Also schaltete ich ebenfalls auf Englisch um und wir wechselten ein paar Worte zum Woher und Wohin. Sie erzählte mir, dass sie und ihr Mann aus New Orleans stammten und zusammen mit ihrem Töchterchen zum ersten Mal Urlaub in Europa machten. Sie selbst arbeitete als Ärztin in einem Krankenhaus und ihr Mann war Musiker.
„New Orleans und Musik – das passt doch! Jetzt sag bloß noch, dass er in einer Jazzband spielt …“
„Nein, das nun nicht – auch wenn er es gern tun würde. Aber als Lehrer verdient er einfach besser und vor allem regelmäßiger, als wenn er sich von Auftritt zu Auftritt durchhangeln müsste. Dafür schmuggelt er im Schulorchester immer wieder mal gern Charlie Parker, Louis Armstrong oder Kid Ory zwischen Bach und Beethoven. Oder Jon Hendricks, den sein Großonkel im zweiten Weltkrieg persönlich kennengelernt hat. Und das sogar hier in Frankreich! Sie wurden Freunde und blieben es auch, nachdem Hendricks zusammen mit Annie Ross und Dave Lambert zu den ganz Großen des Jazz aufgestiegen war.“
Genau in diesem Augenblick bog der Schmuggler von der Highschool-Band um die Ecke, begleitet von einem Mädchen im Grundschulalter. Natürlich wusste ich, dass der schwarze Bevölkerungsanteil in der Stadt am Mississippi weit über 50 % liegt. Trotzdem war ich überrascht, mitten in der Normandie auf einen dunkelhäutigen Afro-Amerikaner zu treffen. Einen sehr dunkelhäutigen, zudem in Begleitung einer Frau, die sich – groß, blauäugig und blond – exakt in das unheilvolle Klischee von der nordischen Rasse einfügte. Die Kleine dagegen war eine entzückende Mischung zwischen ihren Eltern, ein bildhübsches Kind mit roten Schleifen an den Zöpfen. Ohne zu zögern und voller Begeisterung stürzte sie sich auf meinen Hund und knuddelte ihn durch. Der – kinderlieb wie er war – gab die Streicheleinheiten sogleich mit seiner nassen Zunge zurück.
„Ihr kommt genau richtig“, begrüßte die Frau ihre beiden Heimkehrer. „Die Spaghetti sind gerade fertig geworden.“ Und an mich gerichtet: „Du kannst gern bei uns mitessen. Es ist mehr als reichlich.“
Natürlich nahm ich die Einladung mit Vergnügen an, kramte aber vorher noch schnell eine Flasche Cabernet Sauvignon und eine Tüte Weinbergpfirsiche aus meiner Küchenkiste.
Es schmeckte ausgesprochen gut, doch mehr noch als das Essen genoss ich die Gesellschaft meiner netten Nachbarn, die sich als Patricia und Steven vorstellten. „Und ich“, krähte die Kleine dazwischen, „ich heiße Amber!“
Sie waren mit dem Flugzeug in Paris gelandet und hatten sich dort den Camper gemietet, mit dem sie seit zwei nunmehr Wochen unterwegs waren.
„Frankreich war schon immer ein Traum von mir“, sagte Patricia. Und Steven ergänzte: „Für mich zudem ein Stück meiner Familiengeschichte.“
„Du hast familiäre Bindungen hierher?“
„Nein, aber mein Großvater war im zweiten Weltkrieg in der Nähe als Soldat im Einsatz. Und ist bei euch in Deutschland ums Leben gekommen.“
„Wie und wo ist das passiert?“
„Seine Einheit, das 761ste Panzer-Bataillon, genannt die Schwarzen Panther, landete am 10. Oktober 1944 am Omaha Beach, zwanzig Kilometer nordwestlich von Bayeux, und wurde der Dritten Armee von General Patton zugeordnet. Es kämpfte in der Ardennenschlacht, überschritt Anfang März die deutsche Grenze und erreichte am 10. April Coburg in Bayern. Und obwohl der Widerstand dort am Zusammenbrechen war, es überall brannte und auf dem Schloss schon eine weiße Flagge wehte, erhielt mein Opa noch einen Lungendurchschuss.“
„Das tut mir leid!“
„Es braucht dir nicht leid zu tun – so ist halt der Krieg. Sicher, für Oma war es ein Schock, als sie die Todesnachricht bekam. Aber er selbst musste dadurch wenigstens nicht miterleben, wie die Kämpfe seiner Einheit nach Kriegsende vertuscht und verschwiegen wurden. Der Mut, das Leiden und das Sterben der farbigen GIs!“
„Als Teil des großen Ganzen hat man doch sicher auch die Erinnerung an sie wachgehalten?“
„Nein, nein! Ganz und gar nicht. Unsere Oberen hatten bei General de Gaulle sogar durchgesetzt, dass bei der Siegesparade am 26. August 1944 in Paris keine Farbigen mitmarschieren durften. Nicht einmal auf Seiten der Franzosen! Kanonenfutter ja, Bürgerrechte nein – und Helden um keinen Preis der Welt! Mein Opa und seine Kameraden hatten gefälligst dankbar dafür zu sein, dass sie für die Freiheit anderer sterben durften. In schwarzen Einheiten unter weißem Kommando! Gottseidank haben sich die Zeiten inzwischen geändert. Abgesehen von ein paar Idioten, die sich beim weißen Pöpel anbiedern wollen, kümmert die Hautfarbe heute niemanden mehr. Auch nicht die von Barack Obama, von Kamala Harris oder – um beim Militär zu bleiben – die von Colin Powell.“
„Erzähl mal von Onkel Jeremy“, schaltete sich Patricia ein.
„Den Kameraden und Freund von Jon Hendricks?“, fragte ich.
„Genau der“, antwortete Steven. „Jeremy, der Bruder meines Opas, also eigentlich mein Großonkel. Er hatte mehr Glück und konnte den Krieg unverletzt überleben. Er ist mit der zweiten Welle der Invasion nach Frankreich gekommen und hat hier dann Lkw gefahren. Als einer von den vielen, die Cherbourg für kurze Zeit zum größten Hafen der Welt gemacht haben. Und die meistens schwarz waren. Namenlose Arbeitsameisen ohne Gesicht und ohne Biographie. Wie einst auf den kubanischen Zuckerrohrplantagen und den Baumwollfeldern in Georgia. Nun eben in den Häfen, auf den Bahnhöfen und Straßen der Normandie. Und sie mussten all die Leichen wegräumen, die sich teilweise meterhoch stapelten. Auf diesen herrlichen Stränden mit den exotischen neuen Namen: Omaha Beach, Utah Beach ...“
Die kleine Amber war es schließlich, die uns von diesem Abstecher in die Geschichte wieder in die Gegenwart zurückholte. Sie schleppte nach und nach ihr sämtliches Spielzeug herbei, das ich gebührend bewundern musste. Schließlich fragte sie, ob sie mit Benni eine Runde Gassi gehen dürfe.
Bei ihrer Rückkehr führten die Beiden dann voller Stolz vor, wie gut er englische Kommandos gelernt hatte. Zumindest „Sit!“ klappte hervorragend, dagegen kuckte er bei „Heel!“ etwas verständnislos – vermutlich, weil es nicht die geringste Ähnlichkeit mit seinem gewohnten „Bei Fuß!“ hatte.
Als ich mich spät am Abend in meine rollende Behausung zurückzog, nahm ich neben der Bekanntschaft mit drei wunderbaren Menschen als wichtigstes das Wissen mit, dass in den USA die Apartheid bis fast in unsere Zeit hinein praktiziert wurde. Unter der Bezeichnung „Segregation“. Einer Wortschöpfung, so nichtssagend und harmlos klingend wie „Selektion“ oder „ethnische Säuberung“.
Am nächsten Morgen verabschiedete ich mich auf das Herzlichste von den Dreien und fuhr weiter nach Bayeux, jenem Ort, der mit gleich zwei blutigen Invasionen verknüpft ist. Die erste bewunderte ich auf dem Teppich der Normannen-Königin Mathilde und folgte den Spuren der zweiten kreuz und quer durch die Stadt. Durch das Musée-Mémorial du Général de Gaulle, vorbei an der Stele auf der Place Charles de Gaulle mit dem Text seiner Rede vom 14. Juni 1944 darauf und vor allem durch das Musée mémorial de la bataille de Normandie.
Nach dem vorangegangenen Abend achtete ich bei all dem sehr genau auf Spuren farbiger Soldaten. Doch unter der Vielzahl von Bildern stieß ich auf gerade einmal zwei Fotos, auf denen Afroamerikaner im Kampfeinsatz zu sehen waren.
Die gefeierten Helden der Invasion traf ich dann bei meiner Ankunft am Utah Beach. Was mir dort als erstes ins Auge stach, war ein stählernes Landungsboot, von dem aus lebensgroße GIs aus Bronze an Land stürmten. Durchtrainierte und zu allem entschlossene Infanteristen, die auch mit einem Totenkopf an der Uniform nicht aufgefallen wären. Begleitet wurden sie von höchst lebendigen Touristen mit Sonnenbrand und Badeschlappen, die das martialische Szenario ausgiebig für die Anfertigung von Selfies nutzten.
Hundert Meter landeinwärts der erste Kilometerstein des „Voie de la liberté“ mit einer symbolischen Fackel darauf, die aus den Wellen des Meeres emporsteigt. Der Weg der Freiheit, der dem Zug der 3. US-Army unter General Patton folgt. Zumindest bis Bastogne in den Ardennen. Der Rest des Weges – Coburg, das KZ Gunskirchen, Hermann Görings Schloss in Neuhaus an der Pegnitz oder das Zusammentreffen mit der Roten Armee in Steyr – er wurde vergessen und verdrängt. Genauso wie der Name Black Panthers, der sich erst viel später einen Platz in der amerikanischen Geschichte eroberte.
Auf den Spuren von Arthur Rimbaud
... in seiner Geburtsstadt Charleville
Die Totenvögel
Herr, wenn kalte Wiesen frieren,
wenn in den erstarrten Weilern
keine Glocken mehr vibrieren,
dann lass vom hohen Himmelszelt
die geschätzten teuren Raben
sich stürzen auf die kahle Welt.
Der ernsten Schreie fremdes Heer –
nach euren Horsten greift der Wind!
Entlang der Flüsse hin zum Meer,
über Straßen zu Kapellen,
über Löchern, über Gräben
zerstreut euch, findet euch, Gesellen!
Zu Tausenden auf leeren Feldern,
wo die toten Helden ruhen,
Dreht euch, wenn es wieder kälter,
für jene, die man einst gehenkt.
Seid nun die Herolde der Pflicht
dass, wer vorübergeht, gedenkt!
Im Abendlichte wie ein Mast
steht der Apostel Eichenbaum;
die Grasmücken im Walde lasst
für jene, die in Ketten noch –
ohne Chance zu entkommen
unterm Gras dem schlimmen Joch.
(nach A. Rimbaud, Les Corbeaux)
--- und hier die passende Begleitmusik (zum Anhören Bild anklicken):